Biografie

Hans Jakob Barth

Barth, Hans Jakob, schweiz. Maler, Zeichner, Gartengestalter, *6.4.1925 Göttingen, †25.7.1984 Riehen/Basel. Sohn des Basler Theologen Karl Barth Kindheit in Münster/Westf., Bonn und Basel. 1943-46 Lehre als Gärtner, daneben schon seit der Schulzeit autodidakt. Versuche in Landschaftsmalerei und -Zchng. 1946-57 Landschaftsgärtner bei Ernst Cramer in Suhr/Aargau und bei Hans Graf in Bern, erste selbständig ausgeführte Gartenplanungen und Anlagengestaltungen, daneben Maler und Zeichner (Frühwerk bez. „Hans Jakob“ zur Unterscheidung von anderen Künstlern der Familie B.). 1948 Stud.-Reise nach Portugal mit Reise-Stip. der Stadt Basel. Ab 1958 selbständiger Gartenarchitekt in Riehen/Basel (Ausführung versch. Straßen und Parks), dazu gleichwertige freie Tätigkeit als Maler und Zeichner (Landschaften, Pflanzen und Fig., seit 1961 Konzentration auf Aqu.). Daneben jährl. Arbeitsaufenthalte als Maler und Zeichner auf Sardinien, Kreta und Lesbos. 1975-82 Lehrer für perspektiv. Zeichnen am Technikum Rapperswil/St.Gallen.

Dorothea Christ – Hans Jakob Barth zum Gedenken 

Aus: Riehemer Jahrbuch 1985, Internetausgabe 

Der Sammlungskatalog des Basler Kunstkredits verzeichnet unter den Ankäufen zwischen 1948 und 1959 Zeichnungen und Aquarelle des Künstlers Hans Jakob: sie stellen karge, oft fast öde Landschaften dar aus Portugal, Holland, Bayern, Südfrankreich und Italien. Weit dehnen sich unter hochgelegenem Horizont Dünen, Äcker, Kornfelder. Nie fehlen im Vordergrund dürre Gräser, Steine, Schilfrohre, Grasbüschel; aus den sich überlagernden Bodenwellen, den Bezügen zwischen struppigen Vordergrundpflanzen und fern in der Bildtiefe sich im Wind biegenden Baumformen liest der Betrachter die Weite des Landschaftsraums deutlich ab. Hier hat die Hand eines Künstlers gezeichnet und aquarelliert, dem der Blick in grosse Naturräume zum Erlebnis und dies Motiv zum Träger eines Freiheitsthemas geworden ist. Neben dem Künstlernamen Hans Jakob verzeichnen die Inventarkarten in Klammer den Vermerk «(Hans Jakob Barth)». Und mit HJB ist allerdings auch das erste grosse Ölgemälde einer Landschaft schon 1947 bezeichnet worden. Warum dann das aus den beiden Vornamen gebildete Pseudonym «Hans Jakob», das später aufgegeben worden ist, als der Künstler seiner Sache und seiner selbst sicherer geworden war?

Hans Jakob Barth war ein Mensch, der mit viel Gewissenhaftigkeit, Selbstkritik und Bescheidenheit seinen Lebensaufgaben gegenüberstand; es war ihm nicht gegeben, über Familientraditionen, Herkommen und geistiges Erbe in mutwilliger Selbstsicherheit hinwegzugehen und sich unbelastet, ohne sich selber zu misstrauen, den eigenen Neigungen vorbehaltlos hinzugeben. Der Name Barth bedeutete für ihn seit der Schulzeit eine Verpflichtung, die zeitweise zur schweren Last werden konnte: als jüngster Sohn des Basler Theologen Karl Barth in Deutschland aufgewachsen, mit zwölf Jahren infolge der politischen Zustände aus Bonn nach Basel übersiedelt, aus einem Proletarierquartier, wo er in der Grundschule den Umgang mit einfachen Menschen lieben lernte, ins Humanistische Gymnasium Basel eingewiesen, als Sohn eines berühmten Theologen und jüngster Bruder angehender Theologen weit mehr ein Augenmensch mit künstlerischer Begabung als eine angehende Gelehrtennatur – das brachte Lasten, die zeitweise zur Zerreissprobe führten. Ein Schulversager, der sich gern der Malerei zugewendet hätte, ein stiller und besessener Sammler von Steinen und Knochen, dem Syntax und alte Sprachen damals drückende Zwänge auferlegten.

Die Zufallsbegegnung mit einem jungen Maler, der verbissen und schroff abweisend gegen neugierige Passanten im damals noch unüberbauten äussern Gellertquartier an seiner Staffelei arbeitete, wurde für Hans Jakob Barth zum schicksalhaften Erlebnis, das ihn aus der Ausweglosigkeit einer falschen Weichenstellung löste. Der Familie war gar nicht spürbar geworden, dass der Halbwüchsige etwas anderes wollte und dass es ihn mit allen Kräften aus der Bahn von Gymnasium und bevorstehendem Studium zog. Karl Glatt, der Malerfreund, mit dem der dreizehn Jahre jüngere Barth bis zu seinem Tode in enger Freundschaft verbunden blieb, hatte damals selber schwer zu kämpfen, verstand den Suchenden und beriet ihn gut: er solle sich keinesfalls über den Weg einer Flachmalerlehre dem Ziel des freien Künstlertums nähern, er solle sich einem kreativen, naturverbundenen Beruf zuwenden. Die leidenschaftliche Liebe zu Natur und Gewächsen war offensichtlich, und so trat Barth mit voller Zustimmung der Eltern eine Gärtnerlehre an bei Rudolf Wackernagel in Riehen. Zeichnen und Malen waren seit den Schuljahren das Hauptanliegen gewesen – der Kontakt mit Karl Glatt und dessen Kollegen, vor allem mit Max Kämpf, Hans Stocker, Coghuf, Christoph Iselin, Otto Staiger und andern beförderte das. Die Gärtnerlehre öffnete aber jetzt auch ein neues Wirkungsfeld, das den jungen Barth ebenfalls faszinierte: Gartenpflege, Gartengestaltung. Während der fünfjährigen Gesellenzeit, die Barth nach abgeschlossener Lehre beim bedeutenden Gartenarchitekten Ernst Cramer in Aarau und Zürich absolvierte, erschloss sich ihm der Sinn für Gartengestaltung voll. Trotzdem widmete sich der 26jährige 1951/52 volle zwei Jahre ganz seiner künstlerischen Ausbildung: begabtes Dilettieren genügte ihm nicht, er suchte nach einer festen Grundlage und schrieb sich nun als Schüler der Zeichenkurse an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel ein. Wie für viele Kunstschüler bedeutete auch für Barth der Unterricht in anatomischem Zeichnen bei Walter Bodmer entscheidende Hilfe in seiner Entwicklung. Anschliessend widmete sich der Kunstschüler jedoch als Mitarbeiter beim Gartenarchitekten Hans Graf wieder voll seinem «Brotberuf» – der ihm weit mehr bedeutete als ein unvermeidliches Muss.

1954 verheiratete sich Hans Jakob Barth mit Renate Ninck, die er seit seiner Riehener Lehrzeit kannte. Musik, die im Hause Ninck viel bedeutete, erfüllte auch den jungen Barth-Haushalt. Die beiden Töchter wandten sich später dem Musikstudium zu. 1958 liess sich Hans Jakob Barth definitiv in Riehen nieder und von 1960 an arbeitete er selbständig als konsultierender Gartenarchitekt.

Die 1947 während der «Gesellenzeit» in Aarau in freien Stunden ausgeführte «Landschaft bei Aarau» ist ein in sorgsamer, lange sich hinziehender Arbeit entstandenes Ölgemälde, das für den angehenden Maler schliesslich wie eine bestandene Probe die «Berechtigung» zum Künstlerberuf dokumentierte. Das Werk wurde als Erstling dieses Neulings unter den «Barth-Künstlern» in die Basler Weihnachtsausstellung in der Kunsthalle aufgenommen und trug dem Verfasser auf Empfehlung von Jean Jacques Lüscher das His’sche Reisestipendium für junge Künstler ein. Brauchte es solch mühevollen, von vielen Skrupeln verstellten Weg, bis der Dreiundzwanzigjährige sich selber zu trauen begann? Im Rückblick gesehen: gewiss. Zur Familie Barth zählten mehrere renommierte Künstler, Paul Basilius Barth unter ihnen der bedeutendste. Damit waren aber Maßstäbe aufgerichtet, die einen selbstkritischen jungen Menschen allerdings zögern machen konnten. Es dauerte geraume Zeit, bis sich Hans Jakob Barth, der Gärtner-Maler, aus seinem Decknamen-Schlupf «Hans Jakob» hervorwagte.

Das Frühwerk «Landschaft bei Aarau» zeigt deutlich, was Hans Jakob Barth bei Bilderlebnissen packte und aus welcher Disposition heraus er arbeitete. Die Freiheit des weiten Landschaftsraums fasziniert ihn; die Schönheit der zwar geordneten, in ihrem natürlichen Wachstum jedoch unverdorbenen Natur begeistert ihn. Er hält sich streng, fast ängstlich-respektvoll an die Fakten des Motivs. Er reflektiert aber auch und ordnet seine Eindrücke, bis sich das Bildsystem ergibt, das dem eigenen Wesen entspricht: ein Gleichgewicht zwischen Ordnung und Spontaneität.

Das sind ja die Komponenten, die auch der Gartenarchitekt einsetzen muss, wenn er einen freien Raum gestaltet, Dimensionen sichtbar machen, Kunstform und Naturwuchs verschmelzen will. Der Drang, sich genau und exakt mit Grundlagen auseinanderzusetzen, Gegebenheiten anzuerkennen und sie einzubeziehen in die eigenen Projekte, äussert sich ja bei Barth überall, wo immer er tätig wurde. Das hat ihn übrigens auch dazu befähigt, sich andern mitzuteilen, mit ihnen zu diskutieren und sie anzuleiten. Vor allem auf dem Gebiet der Gartenarchitektur: seit 1975 versah Hans Jakob Barth einen Lehrauftrag für perspektivisches Zeichnen am interkantonalen Technikum in Rapperswil im Bereich «Grünplanung». Aber auch im Bund Schweizerischer Garten- und Landschaftsarchitekten, zu dessen Mitgliedern er seit 1969 zählte, hatten Barths Wort und Standpunkt bei Kollegen Gewicht.

Das systematische Ordnen von Eindrücken, Fakten und Dokumenten bildete einen Grundzug von Barths Wesen. Mit dem Sammeln von Knochenfragmenten – Zufallsfunde anfänglich, die für Barth der Form, der Materie, der Färbung wegen Bedeutung gewannen – setzte sein Erforschen der Natur während der unglücklichen Gymnasialzeit ein. Nach Jahrzehnten barg der Keller des kleinen Hauses am Grenzacherweg in Riehen eine ungewöhnliche Sammlung von Knochen verschiedenster Herkunft und Zugehörigkeit, systematisch in Schachteln geordnet, aber immer noch der endgültigen Aufarbeitung harrend – die dann schliesslich nicht mehr möglich werden sollte. Dass Barth genaue Pflanzenkenntnis besass, ist selbstverständlich. In Entwürfen und Plänen für Gartenanlagen, auch in seinen freien, künstlerischen Zeichnungen und Aquarellen, hat er graphische Chiffren gefunden für die verschiedenen Gewächsformen und Belaubungen. Er zeichnete rasch und frei – aber immer so, dass der Typ des Nadelgewächses oder des Blattwerks erkennbar wurde. Voraussetzung blieb, dass Barth sehr genau beobachtete und die Eigenheiten des Gewächses nicht nur im Typischen, sondern auch in der individuellen Erscheinungsform wahrnahm. Die frühe Zeichnung einer banalen südlichen Wildpflanze mag das hier illustrieren. Sehr ähnlich verhielt sich Barth der bildenden Kunst gegenüber. In seinen Bücherregalen reihten sich Werke über alte und zeitgenössische Meister; dazu sammelte und ordnete er nach Künstlernamen Bildmaterial zu allen ihn besonders interessierenden Künstlern. Die Unterlagen zu Paul Basilius Barth zum Beispiel bildeten einen ausgezeichneten Ausgangspunkt zum Aufbau der Ausstellung im Berowergut, die Barth als Mitglied der Riehener Kunstkommission realisierte. Wichtig war ihm ein fast pedantisch durchgezogenes Ordnungssystem, das jederzeit den Zugang zum Gesuchten ermöglichte. So ging Barth auch beim Ordnen der eigenen Arbeiten vor: nach Datum und Entstehungsort gruppiert, bildete der Inhalt vieler mit Zeichnungen und Aquarellen angefüllter Mappen ein eigentliches Tagebuch, das über Reisen, aufgesuchte Orte und Motive Auskunft erteilt. Dem Künstler war es wichtig, dass ein Betrachter auch die Entstehungskette von Variationen eines Motives genau mitverfolgen konnte: wie wurde 1981 dieser sandige Hohlweg in Sardinien gesehen, wie zwei Jahre später – wie stark verändert sich der Tatbestand im Ablauf der Zeit, wie weit ist es die eigene, sich wandelnde Disposition, die zu neuen Versionen führt. Das hat Hans Jakob Barth beschäftigt; er konnte ganz ungehalten werden, wenn ein Betrachter aus der Reihe tanzte, die Chronologie missachtete und voreilig nach einem später entstandenen Blatt griff.

Ein Ateliermaler ist Hans Jakob Barth nie gewesen. Zum einen führten Ausbildung und Berufstätigkeit als Gartenarchitekt immer wieder zu Ortswechseln und verunmöglichten die Bindung an ein Atelier. Zum andern hielt Barth auch nach der Niederlassung in Riehen seine zwei Arbeitsbereiche strikte auseinander. Reisephasen, der freien künstlerischen Arbeit gewidmet, wechselten mit den Monaten, die der Gartengestaltung und der Landschaftsgärtnerei bestimmt waren. Seit 1961 wandte sich Hans Jakob Barth ganz der Zeichnung und dem Aquarell zu. Das sicherte ihm die kostbare Freiheit, sich mit sehr leichtem Arbeitsgepäck dorthin zu begeben, wo er sich frei und glücklich fühlte: vor allem in südliche, von der Reisezivilisation möglichst verschonte Gegenden. Sardinien, Kreta und Lesbos waren seine bevorzugten Ziele: «… Santa Maria Navarrese auf Sardinien ist mir zur zweiten Heimat geworden, die ich vor allem im Winter gern aufsuche, wenn kein Tourismus stört…». Hängt dies Reisefieber, das mit dem ersten, durch das His-Stipendium ermöglichten Portugal-Aufenthalt einsetzte, mit dem Bedürfnis nach Freiheit, Unabhängigkeit und Konzentration auf die von Auftragszwängen unbelastete künstlerische Arbeit zusammen? Zweifellos. Für Hans Jakob Barth blieb es typisch, dass er im gewissenhaften Erfüllen seiner beiden Berufsaufgaben peinlich auf den vollen Einsatz achtete und sich im einen durch das andere nicht stören lassen mochte.

Die Bindung an gesellschaftsbedingte Aufgaben hat er ebenso ernst genommen wie das Bedürfnis zur ungebundenen Selbstverwirklichung. Die Mitgliedschaft in Kommissionen bedeutete für ihn gründliche Mitarbeit. Der Gemeinde Riehen hat Barth – wie vielen privaten Auftraggebern – als Garten- und Raumgestalter gedient. Die Wettsteinpromenade, der barocke Gartenhof beim «Lüscherhaus», die Umgebung der Musikschule im Sarasinpark, die Fussgängerzone Webergässchen, der Rosengarten im Wenkenpark sind von ihm bearbeitet worden. Dass Entwurf und Ausführung nicht immer voll zur Deckung kommen, ist eine Erfahrung, mit der sich jeder Architekt, auch der Gartenarchitekt, abzufinden hat. An Barths Konzepten besticht immer, dass er seine Pläne auf den Benützer bezog, Bestehendes so weit wie möglich integrierte und durch seine kreativen Ideen eine Aufwertung der Situation anstrebte.

Auseinandersetzungen, sowohl auf beruflicher wie menschlicher Ebene, konnten nicht ausbleiben. Sie sind aber die notwendige und unvermeidliche Folge (von «Kehrseite» hier zu sprechen, wäre verfälschend) einer intensiven, engagierten Hinwendung zur Sache und zu den Menschen. Die Begabung dazu war überaus stark bei Hans Jakob Barth, sie hat sein ganzes Schaffen bestimmt: er hat den Mitmenschen etwas gegeben.

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Kleine Rede zur Ausstellungeröffnung Hans Jakob Barth in Gelterkinden, 24. Mai 2013

Von Niklaus Peter

I

Zuerst einfach ein Dankeschön an Cornelius Buser, es ist ein Geschenk, dass Du diese Ausstellung mit Engagement realisiert hast, und wir hier vor diesen Bildern stehen, sie in ihrem Ensemble betrachten können (und es sind Stücke aus fast allen Zeitperioden), weil es ruhige, eindrückliche, schöne Bilder sind. 

Das Wort „schön“ in heutigen künstlerischen Kontexten in den Mund zu nehmen ist riskant. Da spricht man eher von Eingriffen, Störungen, Provokationen, Positionen – aber ich glaube, ich darf das, weil ich als Amateur rede, als einer, der diese Bilder liebt, viele von ihnen wirklich ins Herz geschlossen hat, seit ich sie erstmals sah im Jahr 1978 – damals, als ich meine Frau Vreni, die ältere der beiden Töchter Hans Jakobs kennenlernte, übrigens ebenfalls als Amateur.

Schön sind diese Bilder in meinen Augen, weil sie etwas Wahrhaftiges haben – denn in dem für alle Kunst so wichtigen Wort „Wahrnehmung“ – steckt ja dieses Wörtchen „wahr“ – jemand nimmt etwas wahr – aus seiner Perspektive natürlich – er zeichnet, malt, stellt dar, was er wahrnimmt, oder andersrum: weil er zeichnet, malt, nimmt er wahr – denn Wahrnehmung ist nie automatisch.

Schön sind diese Bilder Hans Jakob Barths, weil man seine Wahrnehmung von Welt, von Landschaft, von Natur, des Lichts, seine Wahrnehmung der hier wahrnehmbaren Rhythmen und Strukturen plötzlich selber nachvollziehen kann, weil er sie künstlerisch sichtbar gemacht hat.

II

Die Worte schön und wahr im Zusammenhang mit Kunst zu gebrauchen – das hat eine lange philosophische und theologische Tradition! Und Hans Jakob Barth stammt ja aus einem hochtheologischen Haus, ja, man müsste es fast als overtheologized bezeichnen (so wie Zurich overbanked ist…). Geboren als Sohn des berühmten, meiner Überzeugung nach des wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts, nämlich als Sohn Karl Barths (1886-1968) – und das war nicht immer einfach.
Denn für einen angehenden Künstler war es nicht inspirierend, unterstützend, beflügelnd, in diesem Kirchenvater-Haus aufzuwachsen, weil darin Kultur (mal abgesehen von einem soliden Klassikerrucksack von Grimmelshausen über Goethe bis Storm und klassischer Musik von Bach bis Mendelssohn) – ich meine Gegenwartskultur und eben auch Gegenwartskunst – fast keine Rolle spielte. 

Es gibt zwar eine neuere, interessante Untersuchung, die von Berührungen Karl Barths mit Avantgarde-Kunst (Futurismus) durch den Sammler und Mäzen Richard Kisling erzählt (der sein Schwager war) – aber das Gesagte bleibt doch wahr, und Karl Barth hat später selber davon gesprochen: dieses fehlende Sensorium für moderne Kunst und Musik sei „eine fatale Schwäche“ seines ganzen theologischen Werks… 

Wie auch immer: Hans Jakob aber wollte Künstler sein, er war als Halbwüchsiger dem 13 Jahre älteren Künstler Karl Glatt begegnet, der streng, abweisend aber konzentriert an seiner Staffelei arbeitete draussen irgendwo im damals noch nicht so verbauten Gellertquartier. Hans Jakob blieb fasziniert stehen, obwohl der Künstler nicht gestört sein wollte, daraus entwickelte sich eine Freundschaft. Das setzte einen Samen oder Virus – er wollte nun Maler werden. Und als dann seine Noten im Humanistischen Gymnasium unter den Gefrierpunkt sanken und er rausflog, war Hans Jakob entschlossen, diesen Künstlertraum nun auch zu leben. – 

Aber das fanden die Eltern natürlich zu riskant. Er solle doch zuerst in eine Lehre als Flachmaler machen, später dann könne er selber entscheiden und werden, was er wolle. Es war Karl Glatt, der ihm davon abriet: „Mach eine Gärtnerlehre!“. Was Hans Jakob dann auch befolgte und auf seinem Beruf arbeitete, danach sich weiterbildete zum Gartengestalter und Gartenarchitekten. Gleichzeitig aber bildete er sich selbständig eben auch  im Zeichnen und Malen weiter.  Und zeichnete und malte von nun an «lebenslänglich» neben seinem (gestalterischen) Brotberuf, den er gerne ausübte (und auch erfolgreich war): Sobald das finanziell möglich war, nahm er sich jeweils mindestens zwei Monate frei, um mit seiner Familie in den Süden zu fahren, nach Sizilien, nach Kreta, nach Sardinien und dort zu malen. Er vermischte beide Berufe nicht – aber man sieht seinen Bildern an, dass sich beides gegenseitig befruchtet hat.

III.

Schön und wahr – dieser angesprochene (theologische) Kontext ist bei Hans Jakob nie nicht im Sinne alter Kunst zu nehmen: Wahres schön gemalt… ; erzählerische, gar biblische Inhalte reflektiert und dann dargestellt… Er hat sich zwar der abstrakten Malerei und auch ihren Ideologien nie angeschlossen – blieb „gegenständlich“. Aber eben auf seine eigene, moderne Weise,  beeinflusst von und im Austausch mit seinen künstlerischen Freunden Glatt, Max Kämpf, Hans Stocker, Coghuf, Christoph Iselin, Otto Staiger. 

Er hat über Bilder herzlich ungern gesprochen und theoretisiert, er konnte sich über Kunstschwätzer echauffieren. Er wollte, dass man schaut, genau hinschaut, wahrnimmt.

Und da fällt nun aber eben auf, dass und wie er Landschaften, Pflanzen, Bäume, Häuser, Räume, Farben, Licht wahrnimmt – und ins eigene Bild bringt. Was mich so bewegt: nie idyllisch, nicht pittoresk, nie sentimental – schöne Gefühle in schöner Drapierung darstellend… – Hans Jakob Barths Motive sind nie geschönt, idealisiert – also keine Idyllen, sondern nüchtern, manchmal rauh, fast abweisend und gerade darin wahr und anziehend. Ja schön, weil man spürt: er will wahrnehmen, was ist, wie sich ihm die Dinge des Lebens, der Natur, der Kultur zeigen. Das merkt man schon an seinem energischen, klugen, intelligenten Strich, mit Bleistift, mit der Sepiatinte-Feder. Ich liebe die Kraft, die sich hier zeigt, aber eben auch das grosse Wissen, die beruflichen Kenntnisse über Pflanzen und Bäume und natürlichen Räume, die sich darin spiegeln. Es ist dieser hochgenaue, interessierte, unsentimentale Blick, der uns Betrachter beim Betrachten seiner Bilder die Welt  wahrnehmenlässt. 

Hans Jakob Barth hat anfänglich draussen gemalt. Aber als er dann zu oft gestört wurde, hat er – meist ganz am frühen Morgen in die Natur hinausziehend – mit Bleistift Skizzen gemacht, die er danach, in der Ruhe gemieteter Zimmer in Kreta, in Sardinien, ausgearbeitet hat – meist in  Sepiafederzeichnungen, dann in Aquarellen. 

IV.

Lassen Sie mich zum Schluss nochmals zur Liebe, zum Amateur zurückkehren. Als ich als Studentenpfarrer in Bern eine kleine Wohnung hatte, neben dem Heim unserer Familie in Riehen, durfte ich zwei Bilder von Hans Jakob mitnehmen und aufhängen – ein kleines viereckiges aus dem Jahr 1973, aus Kreta, ein unscheinbarer Blick auf die Hinterwand zweier Häuser, links ein Baum – in Aquarell-Farben, die an Klee und Macke erinnern – und doch anders sind; daneben ein anderes aus dem Jahr 1976, auch Kreta (Chania), in einen Innenhof hinein – beide nüchtern, nicht postkartenmalerisch – fast abweisend, ruhig, keine Menschen drauf – eine ruhige Atmosphäre, die mich anspricht. Als ich dann nach Zürich gewählt wurde, kam das Bild zurück nach Riehen – konnte nicht gleich aufgehängt werden, weil alle Wände irgendwie schon behängt waren oder frei bleiben wollten – und bemerkte nicht, dass meine Frau Vreni in ihrer Grosszügigkeit ihrer Gotte ein Bild schenken wollte und diese aussuchen liess – ausgerechnet mein Lieblingsbild… Obwohl das ein wenig peinlich war, erbaten wir es zurück, boten natürlich Ersatz. Einfach weil mir dieses Bild so ans Herz gewachsen war und ist – ich könnte nicht genau sagen, weshalb, aber es ist die Wahrhaftigkeit, die Nüchernheit, das Unkitschige, die Genauigkeit des Blicks aufs Wesentliche. Auch die Teilnahme am Leben der dortigen Menschen, die ihn anzog – das Unverstellte. 

Es soll ja Kunst geben, da braucht man auf jeder Seite einen Kunstspezialisten, der einem erklärt, was man da jetzt sehen sollte, und wie radikal das sei – bei Hans Jakob Barth liegt die Radikalität in seinem Blick für Bäume, spezifische Pflanzen, Häuser, Mauern, Lebensräume, für die Rhythmen und Farben und Herztöne dieser Welt – es sind solche Bilder, ohne die ich einfach nicht mehr leben möchte. Und vielleicht, das sage ich versuchsweise, ist es diese Nüchternheit der Wahrnehmung, die ihn mit seinem Vater verbindet – nie theoretisierend, nie überstiegen, sondern irgendwo die Spuren des wirklich Wunderbaren in dieser komplexen, harten, und doch schönen Welt wahrnehmend…

Ich danke Ihnen.

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